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Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium
Neustadt a.d. Weinstraße

Einen Schwerpunkt im Schulprofil des Kurfürst-Ruprecht Gymnasiums bilden die alten Sprachen. Unsere Schule gehört zu den sieben altsprachlichen Gymnasien des Landes Rheinland-Pfalz, in denen ausschließlich Latein als erste Fremdsprache unterrichtet wird und in denen Alt-Griechisch als 3. Pflichtfremdsprache von den Schülern gewählt werden kann.

Einerseits beruht dies auf der Tradition unserer Schule, die sich in der Nachfolge des vom Pfalzgrafen Johann Casimir 1578 gegründeten "Casimirianums" und der Lateinschule der Jesuiten sieht. Im Jahre 1880 wurde die Lateinschule zu einer "Studienanstalt", einem Gymnasium mit Reifeprüfung erhoben, die dann im Jahre 1891 die offizielle Bezeichnung "Humanistisches Gymnasium" erhielt.

Andererseits hat ein humanistisches Bildungsangebot sicherlich auch in unserer heutigen Bildungslandschaft einen Sinn, wie hoffentlich aus den folgenden Ausführungen deutlich wird.

Vorbemerkungen

Die Schüler des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums beginnen in der 8. Klasse mit dem Erlernen ihrer dritten Fremdsprache. Hierbei besteht die Wahl zwischen der klassischen Sprache Griechisch, welche den mit der 1. Fremdsprache Latein begonnenen humanistischen Bildungsgang weiterführt, und der modernen Fremdsprache Französisch.

In der Oberstufe (MSS) haben unsere Schüler die Möglichkeit, sich für Griechisch als Leistungs- oder Grundfach zu entscheiden. In beiden Fällen erhält derjenige, der in der 13. Jahrgangsstufe mindesten 5 Punkte (ausreichend) erreicht, das "Graecum".

I. Inhalte und Ziele des Griechischunterrichts (Warum soll man Griechisch lernen?)

Wer Griechisch lernt, beschläftigt sich mit einer Sprache, die sich in hohem Maße prägend auf unsere Sprache und unsere Kultur ausgewirkt hat. Er genügt schon, einmal darauf zu schauen, wieviele Frendworte im Deutschen aus dem Griechischen kommen. So muss man unter anderem im Bereich der Politik nicht lange suchen: Politik, Anarchie, Tyrannei, Monarchie, Demokratie; alle diese Begriffe wurden von den Griechen geprägt.

Wie kaum ein zweites Fach kann das Griechische auf verschiedene Themenbereiche eingehen. Es geht nicht nur darum, eine Sprache zu erlernen, es geht auch um die Inhalte, die in dieser Sprache gedacht und festgehalten wurden. Als wichtige Bereiche sind hier zu nennen:

Politik: Philosophen wie Platon und Aristoteles suchten den idealen Staat, sie dachten über die Grundformen menschlichen Zusammenlebens nach. Nicht zufällig entwickelten die Griechen die erste Demokratie. Die Frage, wie sich die Gesellschaft und der Staat optimal organisieren lässt, ist auch heute noch aktuell. In der politischen Diskussion spielten auch die sogenannten Sophisten (darin steckt sophos [= weise]) eine wichtige Rolle: durch ihre Suche nach Wahrheit und ihre forschende Neugier, setzten sie sich für die Freiheit des Menschen ein. Ebenso modern ist die die Frage nach dem Verhältnis von Mann und Frau, wobei zum Teil erstaunliche und teilweise auch heute befremdliche Positionen vertreten wurden.

Philosophie: Der berühmteste aller Philosophen ist wohl Sokrates, der durch seine Methode, alles in Frage zu stellen, den Menschen ihre Unwissenheit oder genauer gesagt ihr Scheinwissen vor Augen führen wollte ("Ich weiß, dass ich nichts weiß."). Auch in diesem Bereich muss Platon genannt werden, dessen Stellung in der Philosophiegeschichte einzigartig ist und der bis heute die abendländische Philosophie wie kein zweiter prägte

Ethik und Moral: Auch andere philosophische Fragestellungen, etwa im Bereich der Ethik und der Moral wurden durchdacht, etwa die Frage, was gutes Handeln auszeichnet, woran man das Gute erkennt und warum man überhaupt gut handeln soll.

Naturwissenschaften: Ebenso leisteten die Griechen in anderen Bereichen beachtliche Pionierarbeit. So suchten sie sozusagen als Vorläufer der modernen Naturwissenschaftler nach dem Urgrund der Materie, dem kleinsten Baustein der Materie (auch das Wort Atom ist nicht zufällig ein griechisches Wort), und sie fragten danach, wie die Welt entstanden ist. Im Gegensatz zur empirischen Methode der heutigen Forschung war die Erkenntnis, die Welt müsse aus Atomen bestehen, eine reine Gedankenleistung, da die Technik natürlich noch nicht so weit ausgereift war, was aber die Leistung der Naturphilosophen in keinster Weise schmälert, eher noch heraushebt.

Geschichte: Die Griechen entwickelten die Geschichtsschreibung und ihre Methoden (etwa Herodot und Thukydides), sie betrieben Forschung und Quellenkritik und suchten nach den Gesetzmäßigkeiten geschichtlicher Abläufe.

Drama: Griechische Tragödien und Komödien stehen bis heute auf dem Spielplan vieler Bühnen. In ihnen werden und wurden menschliche Grundkonflikte thematisiert, die auch heute noch prinzipiell das Leben jedes einzelnen Menschen bestimmen, beispielsweise die Frage, ob Rache ein geeignetes Mittel ist, um Unrecht zu bestrafen oder ob andere Wege der Bestrafung, die zu einem Interessensausgleich führen, vorzuziehen sind.

Literatur: Viele Werke der griechischen Antike sind Weltliteratur. Beispielsweise ist es ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis, die Werke Homers, die Ilias und die Odyssee, mit denen die Literatur unseres Kulturkreises überhaupt erst beginnt, zumindest in Auszügen im Original zu lesen. Aber auch viele andere Autoren, die bereits erwähnten Philosophen (Platon, Aristoteles), Geschichtsschreiber (Herodot, Thukydides), Tragödiendichter (Aischylos, Sophokles, Euripides) und Sophisten sind hier zu nennen, die jeweils auf ihrem Gebiet zu den herausragenden Schriftstellern gehören und oft die literarischen Gattungen erst begründeten.

Mythos: Weiterhin zu erwähnen ist der Mythos, der in Geschichten und Begebenheiten versucht, eine umfassende Weltdeutung und Welterklärung zu geben und allgemeinmenschliche Verhaltensweisen wiederzuspiegeln.

Kunst: Die bildende Kunst schließlich, die architektonischen, bildhauerischen und künstlerischen Leistungen der Griechen zeigen die Suche nach dem Schönen, nach Perfektion und den Willen, das Schöne zu erschaffen.

Trotz des langen Zeitraumes, der zwischen der griechischen Antike und der Gegenwart liegt, haben sich die grundlegenden Themen bis heute im Prinzip nicht geändert. So ermöglicht es der Griechischunterricht, immer wieder auf aktuelle Fragen einzugehen. Gerade heute stellen sich, da sich traditionelle Werte- und Organisationssysteme unserer Gesellschaft auflösen, viele diese Fragen immer wieder neu. Der Grieche ist der Suchende und der Fragende, wie er auch für unsere Zeit typisch ist. Man setzte viel daran, zu Antworten zu kommen. Der Griechischunterricht regt dazu an, sich mit den Grundfragen menschlicher Existenz auseinanderzusetzen und eigene Entscheidungen und Positionen zu entwickeln, kurz gesagt: zu philosophischem Denken zu gelangen.

Wer sich mit Griechisch beschäftigt, beschäftigt sich also mit den Grundfesten der abendländischen Kultur. Nicht ganz falsch ist die Behauptung, es gebe letztlich nur zwei Quellen unserer Kultur: Die Bibel und die griechische Antike. Die geistige und künstlerische Entwicklung des Abendlandes ist ohne die Griechen nicht denkbar. Nur so kann man Europa von seinen Anfängen her begreifen und viele historische Entwicklungen besser verstehen. Insofern kommt Griechisch auch der oft vorgebrachten Forderung entgegen, man müsse aus der Geschichte lernen. Trotz der historischen Entwicklung ist die griechische Kultur aber in viel weiterem Maße als die römische Kultur fremd. Griechisch vermittelt also gleichzeitig die Fähigkeit, die Wurzeln der eigenen Kultur zu erkennen, aber auch die Fähigkeit, Unterschiede zu begreifen und zu bewerten. Die Begegnung mit einer fernen, zum Teil fremden Kultur fördert die Fähigkeit, Erscheinungen der eigenen Zeit aus der Außenperspektive zu betrachten und zu untersuchen. Diese Standpunktveränderung führt bisweilen zu erstaunlichen Überraschungen und Erkenntnissen.

Nicht zuletzt führt das Griechische auch dazu, dass die muttersprachliche Kompetenz verbessert wird. Die griechische Sprache zeichnet sich durch feinste Differenzierungen aus, sie übertrifft in ihrem Formenreichtum die deutsche Sprache deutlich. Gleichzeitig war sie prägend für unsere Sprache. Fast alle Wissenschaften, beispielsweise die Naturwissenschaften, die Pharmazie und die Psychologie, bedienen sich in ihrer Fachsprache so weitgehend dem Griechischen, daß Griechischkenntnisse eine Erleichteurng zum Verständnis der zahlreichen Begriffe darstellen. In der Literatur und der Kunst erleichtern Griechischkenntnisse und Kenntnisse der griechischen Kultur das Verständnis und den Zugang; ganz allgemein erleichtert Griechisch den sicheren Umgang mit Fremdwörtern.

Auch pragmatische Gründe sprechen für Griechisch als 3. Fremdsprache. Das Graecum (bisweilen auch nur Griechischkenntnisse) ist nach wie vor für einige Studienfächer (Latein, Philosophie, Geschichte, Theologie, Archäologie und andere) an vielen Universitäten Voraussetzung. Zwar kann man das Graecum auch an der Universität erwerben, es ist aber, was jeder bestätigen wird, der an der Universität eine Ergänzungsprüfung nach einem drei- oder gar zweisemestrigen Intensivkurs ablegen musste, weitaus weniger arbeitsintensiv, bereits an der Schule diese Prüfung abzulegen. Auch beschränken sich diese Kurse weitestgehend auf das reine Lernen der Sprache, Inhalte (und gerade diese sind im Griechischunterricht an der Schule sehr wichtig) stehen nicht so im Mittelpunkt. Das schulische Angebot des Griechischen ist also eine der wenigen Möglichkeiten und sicherlich der einfachste Weg, Griechisch umfassend und gründlich zu erlernen.

II. Der Griechischunterricht in der Praxis (Wie lernt man Griechisch?)

Der Griechischunterricht ähnelt in seinen Methoden dem Lateinunterricht. Die Unterrichtssprache ist Deutsch. Während in den modernen Fremdsprachen (Englisch, Französisch) die aktive Sprachkompetenz, also das Sprechen und Verstehen der Fremdsprache, ein wichtiges Anliegen des Unterrichts darstellt, steht im Griechischen eher die passive Sprachkompetenz, also das Lesen, Erschließen und Übersetzen griechischer Texte ins Deutsche und das Interpretieren dieser Texte, im Mittelpunkt. Auch baut der Griechischunterricht auf den im Lateinunterricht erlernten Stoffen und Kenntnissen auf. Da im Griechischen Schriftbild und Aussprache im Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen Englisch und Französisch weitestgehend übereinstimmen, sind keine Ausspracheprobleme zu befürchten.

Nach einer Lehrbuchphase (Klassen 8 bis 10), in denen überwiegend bereits mit vereinfachten oder paraphrasierten Originaltexten gearbeitet wird, schließt sich in der Oberstufe (Jahrgangsstufen 11 bis 13) eine Lektürephase an. Ein großer Teil der Schüler führt Griechisch in der MSS weiter, als Grundkurs, aber auch als Leistungskurs, der aufgrund einer Ausnahmeregelung auch bei wenigen Schülern eingerichtet werden kann. Abiturienten und Ehemalige sagen so gut wie nie, dass sie die Wahl, Griechisch zu lernen, bereut haben.

III. Anforderungen an die Schüler (Wer kann Griechisch lernen?)

Hier gibt es keine festen Kriterien. Man braucht (wie für alle Sprachen) ein gewisses Maß an Fleiß, Konzentration und Ausdauer. Die griechische Schrift ist jedoch kein Hindernis. Sie ist schnell erlernbar. Insgesamt ist Griechisch nicht automatisch schwerer zu erlernen als Französisch. Im Unterricht kommt in vielen Fällen auch das Lateinische zur Hilfe, da viele Strukturen in beiden Sprachen sehr ähnlich sind.

Die Erfahrung zeigt, dass besonders Schüler erfolgreich Griechisch lernen, die

  • sich gerne mit Sprache befassen
  • Interesse an Kunst, Musik und Literatur haben
  • sich für Geschichte und Archäologie interessieren
  • sich für Mythologie, Religion, Philosophie, Rhetorik, Politik (Staatskunde) interessieren
  • die mit Latein gut zurechtgekommen sind und Freude an der Antike haben
  • im Lateinischen Interesse an der Arbeit mit Sprache und Texten haben
  • auch in anderen Fächern einen erkennbaren Leistungswillen zeigen

Allgemein zeigt die Erfahrung, dass ein Schüler, der gut in Latein ist, im Regelfall mit der griechischen Sprache gut zurechtkommen sollte, allgemeine Aussagen lassen sich jedoch nur schwer machen, man muss immer den Einzelfall betrachten. Falls Bedarf besteht, stehen alle Griechischlehrer zu einem Gespräch zur Verfügung.