17
April

„Beim Psychologen“ – Die Geschichte des kleinen x

Im Wartezimmer von Dr. Bernoulli sitzt das kleine x. Das x sitzt hier, weil es nur ganz wenig Selbstbewusstsein hat. „X? Sie können jetzt hineingehen“, sagt die Sprechstundenhilfe. Das x steht auf und schlappt mit hängendem Kopf in das Behandlungszimmer.

Dr. Bernoulli saß schon in seinem großen Sessel. „Setzen Sie sich doch“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Das x setzte sich auf den weichen Sessel und schwieg. „Ich bin Doktor Bernoulli, und Sie sind das kleine x, wenn ich mich nicht täusche.“ „Ja“, kam es ganz leise vom x zurück. „Möchten Sie mir nicht sagen wieso Sie zu mir gekommen sind?“, fragte der Doktor freundlich. „Hm….Ich…Ich“, stotterte das kleine x. „Nun wissen Sie, mir ist das ein wenig peinlich, aber…nun ja, ich weiß einfach nicht wer ich bin!“ Dr. Bernoulli blickte das kleine x fragend an: „Aber wieso denn das? Sie sind das kleine x, das haben Sie mir vorhin selbst gesagt.“ „Ja schon, aber wissen Sie, in meiner Klasse ist das π und das weiß ganz genau, wer es ist. Und dann sind da noch das e und die √2. Die alle wissen ganz genau, bis auf die letzte Kommastelle, wer sie sind. Aber wenn ich jemanden frage, wer ich bin, sagt mir jeder etwas anderes. Gerade letzte Woche war ich zu Besuch in einer 8. Klasse. Einmal hieß es ich sei 5, dann war ich plötzlich ⅛ und wieder 10 Minuten später 14. Wie soll ich da denn wissen, wer ich bin? Ich bin einfach niemand und gleichzeitig alle, aber ich will doch nur jemand sein!“, schluchzte das kleine x.

Dr. Bernoulli, der schweigend zugehört hatte, stand auf und ging vor dem x in die Hocke. „Aber, aber. Sie müssen doch nicht weinen. Sie müssen ihr Leben nur aus einem anderen Blickwinkel sehen. Sie sind nicht alle. Sie sind, wer sie sein wollen. Geben Sie nicht so viel darauf, was die anderen sagen, seinen Sie einfach, was auch immer Sie sein wollen.“ Da blickte das x, mit noch immer vor Tränen glitzernden Augen, auf und fragte: „ Wirklich? Sie denken ich kann sein, wer ich will? Jeden Morgen jemand anderes wenn mir danach ist?“ „Aber sicher doch. Solange Sie selbst von sich überzeugt sind ist alles ok.“ Da nickte das x und sagte: „Ich glaube Sie haben recht. Danke Doktor, jetzt geht es mir viel besser.“

Das x sprang ganz aufgeregt auf und rief, schon auf dem Weg zur Tür: „Das muss ich gleich der √ erzählen, sonst hat sie mich nämlich immer aufgebaut“, und weg war das x.

 

Es stolzierte fröhlich durch die Straßen bis es vor der Wohnung der √ stand, wo es klingelte. „Ja?“, schniefte es durch die Gegensprechanlage. „Hallo √, ich bin es, das kleine x“, da ertönte auch schon der Türöffner und das x hüpfte munter die Treppe hinauf und da die Wohnungstür schon offen stand auch gleich in die Wohnung. „√? Wo steckst du denn?“, rief es durch die Wohnung. „Wo..ho..hon..zimmer“, kam es abgehackt zurück. Das x ging in das Wohnzimmer und da saß die √ weinend, in sich zusammen gekauert auf dem Sofa. „√, was ist denn los mit dir?“, fragte das x, während es sich zur √ setzte und sie in den Arm nahm. „Erinnerst du dich daran, dass ich beim Online-Dating diesen total süßen Typen kennen gelernt habe?“, fragte sie, immer wieder unterbrochen von erstickten Schluchzern. „Ja, natürlich. Du warst so glücklich als er einem Treffen zugestimmt hat. Aber was ist mit ihm?!“ „Er…er…“, die √ wandte sich ab und begann  wieder zu weinen. „Hey, alles ok meine kleine, ich bin ja da“, tröstete das x. Nach ein paar Minuten fragte es vorsichtig: „Was ist überhaupt passiert?“

Die √ weigerte sich anfangs zu antworten, doch dann platze sie heraus: „Er ist negativ! Negativ! Und er war so nett, wieso nur muss er negativ sein?“ „Er ist negativ, na und? Wo liegt das Problem“, fragte das x. „Verstehst du nicht? Ich bin eine Wurzel, ich kann nichts mit einer negativen Zahl anfangen. Das geht nicht! Es ist einfach unmöglich!“, rief die √ und brach erneut in Tränen aus. „ Nur, weil alle dir das sagen, heißt das doch noch lange nicht, dass es auch tatsächlich so ist! Erinnerst du dich noch, dass du gesagt hast, ich soll mir Hilfe suchen wegen meinem Selbstbewusstsein?“ „Ja“, antwortete die √, „Das war ja erst letzte Woche.“ „Ich habe deinen Rat beherzigt und am nächsten Tag bei Dr. Bernoulli angerufen“, erzählte das x. Da blickte die √ fragend auf: „Und weiter?“ „Ich war heute dort und Dr. Bernoulli hat gesagt, dass ich sein kann, wer ich will und dass es mir egal sein soll, was die anderen darüber sagen. Und wenn ich das kann, kannst du das auch!“ Doch die √ schüttelte den Kopf und sagte: „Du kannst sein, wer du willst, weil du das x bist. Du bist nun mal alles. Aber ich bin nur eine √, ich habe klare Regeln, an die ich mich halten muss, sonst funktioniert das alles nicht. Und eine dieser Regeln lautet nun mal, dass ich nichts mit einer negativen Zahl anfangen darf.“

Das x schaute etwas verwirrt, dann sagte es: „Du glaubst mir nicht? Ok! Ich kann sein, wer ich will, also will ich jetzt -7 sein“ und schon wurde aus dem x die -7 und bevor die √ reagieren konnte, schlüpfte die -7 unter sie und sie wurden zur √-7. „Siehst du? Alles ok“, sagte die -7. „Oh…ohh…ohh mein Gott, du hattest recht. Es passiert wirklich nichts“, freute sich die √. Nachdem die -7 das gehört hatte war sie zufrieden, ließ die √ wieder alleine und wurde wieder zum x. „Siehst du. Und jetzt geh zu deinem negativen Liebling“, sagte das x mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. „Danke. OH danke, danke!“, freute sich die √ und gab dem x einen dicken Schmatzer auf die Wange. Dann lief sie freudestrahlend zur Haustür hinaus zu ihrer negativen Zahl, deren Name übrigens -31 war.

 

Knapp 1 ½ Jahre später bekam das kleine x eine Einladung zu einer Hochzeit. „√-31 lädt ein zum großen Fest“ stand unter einem wunderschönen Bild der zwei. Und auch der Tag der Hochzeit sollte ein fantastischer werden. Nicht nur für die √-31, sondern auch für das kleine x, denn es war der Tag, an dem es das y kennenlernte.

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